Kommentar zu Zeros „Kleinigkeiten, die mich tierisch nerven (1)“

Ich dachte mehrere Jahre, Autofahren wäre ein Privileg von denen, die es sich leisten können und ein Luxus, bei dem man gar nicht anders könne, als ihn zu genießen. Nach zu vielen Autobahnkilometern und regelmäßigem Pendeln wurde ich eines Besseren belehrt und habe meine Meinung um 180 Grad geändert. Aus voller Überzeugung daher meine eindringliche Empfehlung an alle autofahrenden Leser: Wer es einrichten kann, sollte ebenfalls viele Strecken mit der Bahn zurücklegen… Dazu noch schnell ein paar logische Selbstverständlichkeiten:

(a) Die Gesamtmenge des Gepäcks ist aus Gründen der Bequemlichkeit begrenzt. Eine gute Planung hilft, unnötiges Hin- und Herschleppen zu umgehen.

(b) Freitags und sonntags kann es sehr voll werden. Ich meide diese Tage wie der Teufel das Weihwasser. Wer das nicht kann, muss sich was einfallen lassen oder in den sauren Apfel beißen.

(c) Preislich ist es besonders günstig, wenn man die niedrig frequentierten Uhrzeiten/Tage bucht und sich mindestens eine Woche im Voraus nach den verfügbaren Sparpreisen richtet. Da kommt kein Auto mit (Wertverlust, Unterhalt, Sprit).

Diese Pluspunkte gibts obendrauf:

– Wer nicht gerade zu den Stoßzeiten mit der Bahn unterwegs ist, sorgt für eine gleichmäßigere Auslastung der Züge bei unverändertem Gesamtenergieverbrauch. Das ist eine äußerst ökologische Art zu reisen!

– Für mich ist es das wichtigste Argument, dass sich die Fahrzeit prima zum Arbeiten oder Entspannen nutzen lässt. Im eigenen Auto dürfte das hingegen seltener klappen und schwieriger sein.

Jetzt noch im Einzelnen zu den Punkten aus Zeros Beitrag:
Ich sehe es genauso, dass besonders an den Wochenenden ausreichend Fahrer auf deutschen Autobahnen unterwegs sind, die durch kontinuierlich störendes Verkehrsverhalten auffallen.

Nehmen wir erst mal den notorischen Mittelspurfahrer: Perspektivübernahme scheint ihm ein Fremdwort zu sein. Die Interessen der übrigen Verkehrsteilnehmer sind aus seinen Gedankengängen ausgeschlossen. Mich würde interessieren, ob diese Egozentriertheit und Rücksichtslosigkeit wenigstens nur auf den Verkehr begrenzt ist. Der Mensch neigt leider grundsätzlich dazu, automatisierte Gewohnheiten kaum noch zu hinterfragen (obwohl er es könnte!). Das meiste Verständnis habe ich noch für Fahrer älteren Jahrgangs: Wer weiß, womöglich haben sie nie richtig gelernt, die rechte Spur zu benutzen! Aus dem einfachen Grund, dass es sie vor dreißig oder mehr Jahren noch gar nicht gab 😉

Bezüglich der nötigenden Verkehrsteilnehmer, die von hinten angerast kommen, gebe ich auch noch meinen Senf dazu: Es gibt doch im Wesentlichen zwei Motive fürs Schnellfahren:

– Zeitknappheit und
– Spaß.

Wer zum Wochenendverkehr aus Zeitknappheit schnell fährt, tut mir leid, weil es ziemlich stressig und gefährlich ist bei all den langsamereren Verkehrsteilnehmern, die sich regelmäßig hinsichtlich der Geschwindigkeit der Raser verschätzen oder denen es einfach egal ist, ob andere schneller als man selbst unterwegs sein wollen. Wer es regelmäßig eilig hat, sollte aus meiner Sicht andere Fahrzeiten wählen, ein anderes Verkehrsmittel oder aber sich mehr Zeit zugestehen.

Ich glaube, vielen macht es einfach Spaß, schnell zu fahren. Anders kann ich mir nicht erklären, warum Leute einen doppelt so hohen Spritverbrauch, mehr Verschleiß und höhere Risiken für 15 % Zeitersparnis in Kauf nehmen. Für diese Kosten bekäme man im Übrigen ein Zugticket in der ersten Klasse. Ich befürchte, dass diese Gruppe irgendwann nicht mehr vollständig zwischen Autofahren zur Wegstreckenbewältigung und Autofahren als Selbstzweck trennen kann. Wird ihnen der Spaß durch einen langsameren Verkehrsteilnehmer genommen, macht das wütend und man wird ihm nach Möglichkeit beweisen, dass man ein schnelles Auto fährt und diesem nervigen Schleicher hoffnungslos überlegen ist. Ich glaube, dass solche wenig intelligenten Gedankengänge gar nicht so abwegig sind, wie es wünschenswert wäre. Zudem kann es keinem Schnellfahrer schade, sich ab und an zu fragen, warum man sich das antun muss.

Zum Beispiel mit der Kolonne: Ich hätte an Deiner Stelle gewartet, bis Dich einer rein lässt. Es kommt auf ein paar Minuten einfach nicht an. Es gibt genug vernünftige Autofahrer, als dass man gezwungen ist, sich auf einen Konflikt mit den wenigen wirklich Bescheuerten einzulassen, nur um die Spur wechseln zu können.

Ich habe nie verstanden, warum im langsameren Verkehr alle auf der linken Spur fahren müssen und die rechte Spur bis auf wenige LKW alle paar KM völlig frei ist. In solchen Fällen bin ich immer rechts gefahren und wenn auf der linken Spur gebremst werden musste, rollt man auch schon mal an den Verkehrsteilnehmern dort vorbei. Dann bin ich vom Gas und habe mich wieder auf deren Tempo zurückfallen lassen. Straßenverkehr ist einfach kein Wettbewerb, sondern eine kollektive Veranstaltung mit dem gemeinsamen Ziel, sicher am Fahrtziel anzukommen. Alle sitzen in einem Boot…

Übrigens: Wenn ich im Spiegel rechtzeitig erkennen kann, dass sich ein Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit nähert, dann würde ich mit 130/140 nicht noch zum Überholen ansetzen, sondern mich langsam an den LKW heranrollen lassen. So viel Rücksicht sollte meiner Meinung nach selbstverständlich sein – schließlich ist nicht jeder Schnellfahrer ein drängelnder Raser. Ich habe selbst oft erlebt, dass sich langsamere Verkehrsteilnehmer hin und wieder enorm verschätzen bezüglich der Geschwindigkeit eines herannahenden Fahrzeugs. Hier sollte keiner auf seinem Recht bestehen bleiben, jederzeit links überholen zu dürfen, nur weil gerade ein LKW auftaucht.

Ein Freund von mir führt nebenbei erwähnt gerade eine zum Thema passende Studie durch, in der untersucht wird, ob ein Selbstkonzept als guter und sicherer Fahrer und eine Präferenz von höheren Geschwindigkeiten mit dem Auftreten von Unfällen und drängelnden Verhaltensweisen assoziiert ist. Als eines der Messverfahren kommt der Implizite Assoziationstest zum Einsatz, mit dem ich selbst auch viel arbeite. Es wird also spannend, was dabei herauskommt 🙂

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2 Kommentare zu “Kommentar zu Zeros „Kleinigkeiten, die mich tierisch nerven (1)“

  1. Das beobachte ich auch oft, wenn ich schneller unterwegs bin oder jemanden von hinten kommen sehe, der sehr schnell unterwegs ist. Die Leute ziehen dann trotzdem raus bzw. schätzen die Geschwindigkeit falsch ein.

    Mir geht es aber eher darum, dass ich hinten niemanden sehe und der dennoch nach 4 Sekunden da ist (sei es durch die kurvige Straßenlage oder einfach dadurch, dass der Hintermann 250 km/h fährt). Gerade Porschefahrer sind mir da schon häufig aufgefallen. Die wollen immer wissen wieviel ihre PS-Schleuder schafft.

    Zugfahren ist eine gute Alternative, wenn man die Möglichkeit hat. Es sollte nicht zu unbequem sein vom jeweiligen Bahnhof zum eigentlichen Ziel zu kommen. Großstadt-Traveler haben da sicherlich keine Probleme, wer auf dem Land wohnt kennt aber die Schwierigkeiten eine anständige Verbindung zu finden (ohne 5 Mal umsteigen und 30 Minuten Wartezeiten zwischen den Zügen), sobald man mal eine längere Strecke fahren möchte.

  2. Pingback: Kleinigkeiten, die mich tierisch nerven (2) | Blogade

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