Schweinsteiger und die Medien

Das in Deutschland möglich ist, dass alle etwas sehen, aber keiner etwas deswegen sagt, wissen wir schon seit einigen Jahrzehnten. Neu ist, dass die Medien beim Fußball schweigen. Normalerweise wird kontrovers über jeden falschen Einwurf stundenlang mit Experten und Leuten, die kaum einen geraden Satz bilden können, debattiert, gestritten und ab und an sogar gelacht. Umso überraschender muss es für den „normalen“ Fußballfan gewesen sein, dass sich kaum jemand getraut hat, Schweinsteigers Form bei dieser EM zu kritisieren. Erst viel zu spät fand zum Beispiel die Süddeutsche ihr Symbol des Scheiterns.

 „11 Freunde“ schrieb eine treffende Einzelkritik zum Italien-Spiel.

Bastian Schweinsteiger: Schon nach einer halben Stunde musste man sich die Frage stellen: Warum stand Bastian Schweinsteiger überhaupt auf dem Platz? Klar, um seiner Mannschaft trotz der nicht vorhandenen Topform Sicherheit und Stabilität zu vermitteln. Doch selbst dazu war Schweinsteiger zu müde. Seine Bewegungen wirkten träge, vorhersehbar, ausrechenbar. So fehlte der deutschen Mannschaft ein entscheidender Ideengeber für die Offensive. Bittere Erkenntnis: Wenn der Kopf müde ist, kann der Körper auch nicht funktionieren. Bittere Erkenntnis 2: Noch vertraut Joachim Löw Sami Khedira nicht als alleinigem Herrscher in der ordnenden Zentrale. Sonst hätte er Schweinsteiger ausgewechselt.“

Gratulation „11 Freunde“, das ist absolut treffend in dieser Kürze formuliert. Wenn man also was zu Schweinsteiger sucht, in den seriösen Printmedien wird man fündig. Wie es im Boulevard aussieht, kann ich dagegen nicht sagen, schon weil ich mich im Moment gar nicht mit diesem beschäftigen will. Ich weiß lediglich, dass in der B1LD nach dem zweiten Gruppenspiel stand, dass Real Madrid an Schweinsteiger dran wäre. Angeblich, weil er so eine gute EM spielt. Ich lasse das mal unkommentiert.

Football.ua

Bild: Football.ua (Verbreitung nur unter Namensnennung)

Was mich wirklich aufregt, sind aber nicht die Printmedien, sondern die Fernsehberichterstattung. Niemand im TV wollte anscheinend Schweinsteiger ernsthaft kritisieren. Jeder Fan hat gesehen, dass „Basti“ total neben sich steht und nicht ansatzweise in der Form ist der Leader eines Europameisters in spe zu sein. Er schlug einen Fehlpass nach dem anderen, das juckte von den Moderatoren und Kommentatoren keinen. Er verlor gefühlt 80% seiner Zweikämpfe, alle gucken weg. Er grätscht in einer Situation einem Angreifer den Ball weg, alles jubelt. An der Stelle muss man sich fast schon fragen: Gab es vielleicht ein heimliches Abkommen zwischen Nationalmannschaft und den öffentlich-rechtlichen Sendern? Nach dem Motto: „Bitte nicht Schweini kritisieren. Wir möchten, dass er aufgebaut wird, damit er uns ins Finale bringt.“ Oder fehlt es uns an Journalisten im deutschen Sportfernsehen, die es sich auch mal trauen, die gestandenen Spieler zu kritisieren? Dieses Phänomen muss dann aber neu sein. Hat vielleicht auch mit der Personalpolitik der ARD zu tun. Aber das ist ein anderes Thema, zu dem ich in naher Zukunft etwas schreiben werde.

Klar Schweinsteiger war nicht fit, auch wenn das immer wieder behauptet wurde. Und klar, jeder macht Fehler, auch der Bundestrainer. Und jeder Deutsche ist irgendwie so ein kleiner Bundestrainer und denkt die Entscheidung die er getroffen hätte, wäre die beste. Und auch klar ist, dass das Stuss ist. Bundestrainer ist Löw und er meines Erachtens einen passablen Job gemacht.

Die einzig klare Fehlentscheidung, die er dieser Tage getroffen hat, war es, komme was wolle, an Schweinsteiger festzuhalten. Aber letztlich kostete dies Fehlentscheidung allein der deutschen Nationalmannschaft nicht den Titel. Die mutigen, aber sehr gelungenen Personalumstellungen vor dem Griechenlandspiel hat der Bundes-Jogi zurückgenommen. Sinniger wäre es gewesen diese beizubehalten und Toni Kroos für Schweinsteiger aufzustellen. Das wäre letztlich die bessere Alternative gewesen. Meines Erachtens die deutlich bessere. Nachher ist man immer schlauer.

 

23 Freunde müsst ihr sein

Euer Zero

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