Gastbeitrag: – Zwischen zwei Welten –

von Magavar Taris

Jeder Studierende kennt die immer wieder abwechslungsreiche Teamkonstellation bei Referaten. Vor kurzem befand ich mich in einer extrem anstrengenden, aber auch witzigen Personenzusammenstellung. Es war eines dieser Seminare, in dem ErstemestlerInnen und Langzeitstudierende aufeinanderprallen. Spannend ist es schon zu beobachten wie unterschiedlich ausgestattet die jeweiligen Studienphänomene zum Seminar erscheinen.

Der überaus ehrgeizige Studienanfänger besitzt ein ganzes Arsenal an Utensilien, welches er gewissenhaft ein halbe Stunde vor Seminarbeginn vor sich ausbreitet. Da wäre zunächst das Federmäppchen, direkt hinüber gerettet aus der Schulzeit, mit diversen Aufklebern wie „Abi 2012“ oder „Endlich Führerschein“. Darin enthalten ist natürlich der Lamifüller aus der Grundschule und Textmarker in allen erdenklichen Farben. Hier muss ich ergänzen, dass die Beobachtungsperson, welche über eine solche Ausstattung verfügt, zu 95% weiblich ist. Das Material erstreckt sich weiterhin über eine gut sortierte Mappe mit eingearbeitetem Locher, damit alle Kopien sorgfältig und unmittelbar weggeheftet werden können, bis hin zum baumelnden Maskottchen an der schon erwähnten Federmappe.
Das Gegenstück dazu ist der Langzeitstudierende. Vorzugsweise studiert er Philosophie im gefühlten 36. Semester.

Der Langzeitstudierende erscheint regelmäßig 5-10 Minuten zu spät zum Seminar. An guten Tagen holt er einen zerknüllten Zettel und einen Bleistift heraus, aber meist versucht er den Inhalt in sich aufzunehmen und zu speichern. Dabei zeichnet er sich besonders dadurch aus, dass er tiefgründige, den Verlauf des Seminars aber meist aufhaltende Fragen stellt.

Um auf den Anfangsgedanken zurückzukommen, möchte ich mich jetzt mit dem Vergnügen beschäftigen, welches mir vergönnt war, als ich ein Referat mit eben diesen beiden Randphänomenen erstellen sollte. Da war die hoch ehrgeizige, total überforderte Erstsemestlerin, der tiefenentspannte Langzeitphilosophiestudent und mittendrin – ich. Nun war Fingerspitzengefühl gefragt um alle Interessen unter einen Hut zu bekommen. Meine Teamfähigkeitskompetenz lief zur Höchstform auf. Das erste Hindernis stellte die Terminfrage dar. Die übermotivierte Erstsemestlerin hatte quasi nie Zeit, weil ihr Stundenplan den Rahmen sprengte. Der Langzeitstudent hatte fast immer Zeit, weil dieses Seminar sein einziges für dieses Semester ist. Er wollte es mal ruhig angehen lassen. Nach langer Diskussion ließ sich endlich doch ein Termin finden.

Das Treffen verlief dann leider nicht so produktiv wie erhofft, weil sie nur alleine im Stillen arbeiten kann und er noch Zeit brauchte, um sich in das Thema mittels zahlreicher Bücher einzulesen. Ich hatte meinen Teil ausgearbeitet und wollte schon das Plakat gestalten, aber davon waren wir noch weit entfernt.

Beim nächsten Treffen sah es dann so aus:
Er: „Ja, also äh ich habe mir da folgendes gedacht. Also…man muss äh in Anbetracht der Komplexität…des Themas äh…die gesellschaftlichen Kontexte… ganz genau beleuchten.“
Einwurf von ihr: „Ja, ja, ja, ja, ja, das hab ich hier schon mal alles rausgearbeitet.“
Mein Vorschlag den ausufernden Vortrag zu verknappen, da wir nur 10 Minuten Zeit zur Verfügung haben, wurde von beiden ignoriert. Sie redete in einem Mordstempo auf uns ein und er brauchte eine gefühlte Ewigkeit, um auch nur einen Gedanken zu formulieren. Mit Engelsgeduld lenkte ich soweit ein, dass sie ihren Stoff um 80% reduzierte und er uns einigermaßen verständlich erklärte, was er vortragen wird. Bei der Absprache ergaben sich dann folgende Redezeiten:
Sie: 5-7 min
Ich: 2-3 min
Er: 2-3 min (In der Zeit würde er wohl maximal 2 Sätze zu Ende bringen können.)

Meine Spannung auf den Vortrag stieg gewaltig. Bei der Plakatgestaltung habe ich dann einfach das Zepter in die Hand genommen, sonst wären wir nie fertig geworden.

Es ergab sich dann folgende Vortragssituation. Wie es der Zufall wollte, waren wir die letzte Gruppe am Ende des Seminars. Als meine Referatspartnerin begann, mussten wir mit Schrecken feststellen, dass sie mit 20 Karteikarten ausgestattet war, die sie wie bei einem Zaubertrick aus dem Ärmel zog. Ihm fiel alles aus dem Gesicht und die Kinnlade nach unten, weil er schon ahnte, dass das nicht gut ausgehen kann. Nachdem sie wie aus der Pistole geschossen sämtliche Informationen hinauspulverte und ihre Redezeit um einiges überzog, kam ich schließlich zu Wort. In weiser Voraussicht habe ich schon während ihres Redeschwalls meine gesamten Informationen auf das Wesentlichste reduziert und auf 10 Fakten heruntergebrochen. Noch bevor ich meinen Teil beenden konnte, wurde ich von unserer Dozentin abrupt abgewürgt mit dem Hinweis, dass sie sich gezwungen sähe das Referat hier zu beenden, da die letzten Minuten dringend benötigt würden, um die lebenswichtigen Evaluationsbögen für diese Veranstaltung auszufüllen.

Meine Mitstudentin sah ihr Gesamtkonzept in Stücke gerissen und ihre Selbstdarstellung akut gefährdet. Der Langzeitstudent war wie erstarrt und sprachlos. Selbst ich war kurz davor die Fassung endgültig zu verlieren. Die Dozentin sah unseren Gesichtern an, dass sie sich noch etwas einfallen lassen müsste und vertröstete uns auf die nächste Sitzung. Da sollte unser Langzeitstudent doch seinen Teil noch nachreichen…

Ich sah mich also am Ende eines kräftezehrenden Aktes der Zusammenführung zweier Welten vor einem Evaluatdingsbumsbogen sitzen und die Worte schreiben: „Einen in mühevoller Arbeit erstellten Vortrag zu zerstören, um diesen Bogen auszufüllen, finde ich milde gesagt demotivierend und wirklich nicht in Ordnung.“

Mein Verarbeitungsprozess ist hiermit abgeschlossen, aber zwei andere Welten wurden zerstört…

– Ich bitte hiermit um eine Schweigeminute –

Magavar Taris

Zur Autorin:

Magavar Taris studiert Deutsch und Musik auf Lehramt für Gymnasien im 9. Semester und steht kurz vor ihrer Referendariatszeit. Sie steht in enger persönlicher Verbindung zum Blogger Zero (und sieht scharf aus).

Zero

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2 Kommentare zu “Gastbeitrag: – Zwischen zwei Welten –

  1. Ein großes Kompliment an meine Vorrednerin Frau Taris, für die so plastische Abbildung der Studententypen: Langzeitstudent und Erstsemester.
    Meine Studienkarriere begleiten auch ganz außergewöhnliche … ja gar possierliche Arten von Studenten – die Grundschullehramtsstudenten!
    So ergab es sich eines schönen Tages, dass eine Gruppenarbeit anstand, deren Gruppenmitglieder ausgelost worden sind. Ich fand mich neben zwei Damen der o.g. Spezies wieder , von mir liebevoll im Folgenden Hanni und Nanni genannt, die mit ihren lieblich-zutraulichen Gesichtern sicherlich noch nie ein Wässerchen getrübt haben.
    Hanni und Nanni ließen sich erfahrungsgemäß hervorragend führen und so teilte ich schnell jedem seinen Teil zu und erklärte den Ablauf der Zusammenarbeit bis zur Präsentation. Begleitet wurden meine Ausführungen von einem synchronen Nicken, das ein wenig abgehackt wirkte, so dass ich heimlich nach unsichtbaren Fäden über Ihren Köpfen Ausschau hielt. Zu meinem großen Bedauern waren sie doch Menschen und keine Holzmarionetten die davon träumten irgendwann richtige kleine Mädchen zu werden.
    Bereits nach einer Woche fingen Hanni und Nanni an zu rebellieren! Sie sagten das Gruppentreffen ab, da sie zu viel Stress mit ihren anderen Fächern „Tanzen“ und „Malen“ hatten und einfach mehr Zeit für die Ausarbeitung benötigten. Meine eigene Naivität und Empathie führten dazu, dass ich mich davon überzeugen ließ, erst einen Tag vor der Präsentation ein Treffen abzuhalten.
    Dies sollte ich bitterlich bereuen…
    „Bitte gebt mir gleich eure Folien, so dass ich sie mit meinen zusammenfügen kann“ flötete ich in die Runde. Große runde Kulleraugen blickten mich an. „Wir haben noch keine Folien erstellt.“ Antworteten sie perfekt synchron, so dass ich wieder unterbewusst nach den Marionettenfäden Ausschau hielt. Hanni und Nanni erklärten daraufhin, dass sie ja mit dem von mir erstellten Folienmaster nicht zurechtkommen würden, er sei so kompliziert und man könnte ihn ja gar nicht mit Fingerfarben bunt ausmalen, weil das den ganzen Bildschirm dreckig machen würde. Außerdem würden sie lieber ihre Karteikarten vorlesen, so wie sie das immer machen würden. Nanni weigerte sich zudem den Anfang zu machen, da es so schwierig sei, vor Publikum zu sprechen. Sie hassten beide Präsentationen. Dies ließ mich ihre Studienentscheidung anzweifeln. Wie kann man als zukünftiger Lehrer wie ein Reh im Scheinwerferlicht vor einer Gruppe von Kommilitonen stehen und kein Wort herausbekommen? Was macht man im Referendariat? Fragt man den betreuenden Lehrer, ob man die komplette Zeit ausschließlich in der letzten Reihe sitzend hospitiert? Sucht man sich einen kleinwüchsigen Betreuer und setzt ihn sich wie eine Handpuppe auf den Schoß um ihn dann reden zu lassen? Fragen über Fragen, die sicherlich nur Amnesty International lösen kann.
    Nun gut, ich war bereit nicht nur den Beginn sondern auch das Ende der Präsentation zu halten und ihre Notizen in den Folienmaster einzuarbeiten. Daher ließ ich sie zuerst die Karteikarten erläutern. Auch wenn die Informationen eher oberflächlich waren, dachte ich, dass dies schnell mit entsprechenden Quellen vertieft werden kann. Auf die Nachfrage, welche Quellen Hanni und Nanni benutzt haben, gaben sie tatsächlich zur Antwort: „Wikipedia und noch so eine andere Seite.“
    Äh wie bitte?
    Die „andere Seite“ erwies sich als Homepage einer Sekte.
    Hier enden meine Ausführungen, da das weitere Erzählen der Ereignisse zu schmerzhaft ist. Als Fazit halte ich fest, dass man an einer Universität tatsächlich professionell den eigenen Namen Tanzen sowie dabei in die Hände klatschen lernen kann. Dies führt sogar zu einem anerkannten Studienabschluss.
    Habe ich erwähnt, dass meine zukünftigen Kinder auf ein Nonneninternat geschickt werden?
    MfG

  2. Die tragische Komik von „Zwischen zwei Welten“ ist fast schon zum Schmunzeln 🙂

    Das Beispiel zeigt doch, wie wichtig es sein kann, die ganz unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten von Menschen besser verstehen zu lernen.

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