Kurbeln wir die Wirtschaft an

Bevor ich Geld ausgebe, frage ich mich manchmal, ob ich das wirklich tun sollte. Eine Begründung fürs Geldausgeben ist leicht gefunden. Wir steigern so das Bruttosozialprodukt. Hervorragend! Wenn man jetzt nur noch wüsste, welcher Teil der Wirtschaft eigentlich angekurbelt werden soll.

Was steckt überhaupt hinter dieser Idee? Wenn sich ein Hausbesitzer entscheidet, das eigene Dach mit Solarzellen vollzupflastern, kann der Hersteller der Panele einen Teil des Kaufpreises nehmen, um seine Entwicklungskosten zu decken. Super! Allen ist geholfen. Genauso wenn irgendwo ein spezielles Restaurant eröffnet, von dessen Konzept man überzeugt ist, z.B. weil es gut schmeckt oder besonders nachhaltig ist. Dort Geld auszugeben, unterstützt den Betrieb dabei, sein Angebot aufrechtzuerhalten. Klasse! Es gäbe keine ausgereiften Panele oder hervorragenden Restaurants, wenn keiner bereit wäre, dafür zu bezahlen.

Aber was ist, wenn sich Jugendliche in der Disko den dritten Wodka-Redbull zum Kurs von 8,50 Euro reinziehen? Mit dem Geld wird wenig entwickelt oder Überdauerndes geschaffen. Stattdessen gibt es noch unerwünschte Nebeneffekte. Die Arbeitsplätze in der Branche sind vergleichsweise ungesund, weil es körperliche Nachtarbeit ist, Gewalt kommt vor, über Erbrochenes freut sich die Stadtreinigung weniger. Polizei und medizinische Versorgung werden genutzt.

Der Trip mit Ryanair und das Menü bei McDonalds stellen sich leider auch nicht als hilfreiche Maßnahmen heraus. Vom Flugpreis geht ein zu großer Anteil für Treibstoff drauf. Das Geld ist quasi verbrannt, sobald die Ressource verbraucht wird. Zwar hat es in Wirklichkeit nur jemand anders, aber wenn das ein Ölscheich in Dubai ist, ist das Ziel trotzdem verfehlt. Die Erträge der McDonalds Filiale fließen im Wesentlichen an die Aktionäre. Das sind sicher nette Personen oder attraktive Institutionen, aber ein Laster teilen alle – sie maximieren mit Vorliebe den eigenen Nutzen. Wer wirklich die Wirtschaft ankurbeln möchte, lässt sein Geld besser woanders.

Wo wäre das? Wenn wir berücksichtigen, ob die Mitarbeiter gut behandelt werden oder schonend mit begrenzten Ressourcen umgegangen wird, ist schon viel gewonnen. Dieser Gedanke ist aber nicht neu und nicht, worauf ich hinaus will.

Seltener hört man den Vorschlag, Unternehmen zu bevorzugen, die eine gegebene Menge an Erträgen mit weniger menschlicher Arbeitskraft erzielen, zumindest nicht von Befürwortern des linken politischen Spektrums.  Dabei liegt der Gedanke näher, als es scheinen mag! Gelingt es durch Automatisierung oder Skaleneffekte, dasselbe Produkt mit weniger personengebundenem Zeitaufwand zu erzielen, dann ist das tatsächlich ein wesentlicher Fortschritt. Nicht, damit die Hälfte von uns arbeitslos wird. Es ist nur so: Im Moment bewerten wir den Kaufpreis eines Produkts oder einer Dienstleistung fast immer in Geldeinheiten. Was wir aber eigentlich wollen, ist nicht ein Produkt, das wenig Euro kostet, sondern eines, das wenig menschlichen Zeitaufwand verursacht. Warum? In einer Welt, in der Unterschiede in den Gehältern und der Verteilung des Kapitals kleiner wäre, ist Arbeitszeit die eigentlich wichtige Bezugsgröße! Im Moment ist es Normalzustand, dass für jeden wohlhabenden Menschen mehrere Ärmere Überstunden machen müssen, um dessen Bedürfnisse zu erfüllen. Wenn wir die menschliche Arbeitszeit im Auge behalten – egal wie billig sie in manchen Ländern auch sein mag – können wir das ändern!

Geben wir unser Geld also bevorzugt solchen Unternehmen, die menschliche Arbeitskraft bedacht einsetzen. Ich finde, das dürfen auch große Unternehmen sein, weil diese oftmals dieselbe Menge an Produkten oder Dienstleistungen mit weniger Aufwand erzeugen können. Natürlich nur, wenn sie diesen Vorteil in angemessenem Umfang an Mitarbeiter und Kunden weitergeben. So kurbeln wir den Teil der Wirtschaft an, der weiter bestehen soll.

Es grüßt
Chris

Advertisements

Ein Kommentar zu “Kurbeln wir die Wirtschaft an

  1. Ein sehr interessanter Aspekt in dieser Debatte, über den ich zwar schon nachgedachte, aber den ich gedanklich nicht so weit geführt bzw. wieder verworfen hatte.
    In den Känguru-Chroniken steht ja, dass die Arbeiterbewegung in dem Moment verloren hatte, als sie mehr anstatt weniger Arbeit forderte und das trifft es eventuell in der Quintessenz ganz gut.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.