Frau Schneewitt?

Meret Steiger, deren freitäglichen Kolumnen ich mitunter ganz gerne lese, hat heute über die „political correctness“ in der Sprache geschrieben. Sie möchte dabei nicht missverstanden werden, aber das fällt mir, so wie der Text aufgezogen ist, irgendwie schwer.

Der erste Abschnitt der Kolumne ist komplett falsch. Darauf wies ich die Autorin auch hin. Geändert wurde der Text natürlich bisher nicht. Ich habe mir daraufhin die Freiheit genommen, zu fragen, warum weiter offensichtlich falsches behauptet wird und die Hoffnung geäußert, dass dies nicht aus rein profitorientierter Haltung resultiert. Denn das wäre die Bankrotterklärung des Journalismus.

Alle haben vermutlich mitbekommen, dass die Uni Leipzig in ihrer neuen Grundordnung nur die weibliche Form benutzt und in einer Fußnote auf die männliche Form verweist. Früher war es mal genau umgekehrt. Hat niemanden interessiert. Wenn man jetzt den Schuh umdreht, machen die Medien daraus einen Megabohei. Einfach, weil sie sich gern aufregen. Über Nichtigkeiten. Es hat nämlich niemand an der Uni gefordert, dass irgendjemand jetzt Herr Professorin genannt wird. Das steht auch nirgends, nur der Spiegel hat diese bildhafte Umschreibung für eine Überschrift gewählt. Hier und hier wird die ganze Geschichte genau aufgeklärt.

Auch den zweiten Abschnitt kann man so meines Erachtens nicht unkommentiert stehen lassen. Das Wort „Neger“ war nie wertneutral. Es wurde nur hier oft so verstanden. Die meisten Menschen, die es benutzen oder benutzt haben, glauben es leitet sich einfach vom Begriff „negro“ für schwarz ab. Das ist nur vom Wortstamm her richtig. „Neger“ wurde von Beginn an im Kontext mit Leibeigenschaft und Sklaverei benutzt. Ich finde es schlimm genug, dass wir dieses Wort als wir aufwuchsen nicht besser wussten und mir wird oft berichtet, wie ich als Kind in der DDR zu dem ersten Schwarzen, den ich jemals sah, sagte „Mama, guck mal ein Neger.“ Der Mann war sichtlich schockiert und wütend auf meine Wortwahl. Warum wohl? Ist doch EIN GANZ NORMALES WORT gewesen damals. Oder doch nicht?!?

Eventuell wird es schlüssiger, worum es sich bei dem Wort dreht, wenn man sich die Geschichte der „10 kleinen Negerlein“ mal anguckt. Ganz neutral betrachtet. Ich finde den zweiten Teil wesentlich interessanter. Der erste ist aber auch informativ.

Was spricht also dagegen Kinderbücher, die vielleicht, so ein ganz winziges kleines bisschen rassistisch angehaucht waren, anzupassen und sie in eine heute kindgerechte Form zu bringen? Will man diese Zeiten nicht endlich hinter sich lassen? Möchte man, das der Begriff als solcher weiterhin kulturfähig bleibt? Die Älteren und Alten sagen immer noch „Neger“ und meinen es nie böse. Auf Nachfrage warum sie das Verhalten nicht ändern, bekommt man meist eine Bequemlichkeitsantwort oder gar keine. Oder Aggression. Wir hinterfragen unsere Alltagssprache zu wenig.

Wer sich allgemein für Ungleichheiten in der Sprache interessiert (ja, der „Sprachquatsch“ IST wichtig), dem sei folgendes ans Herz gelegt: BPB: Sprache und Ungleichheit

Hier noch ein kleiner Auszug aus unserem Zwiegespräch auf Facebook.

Nein, Shakespeare meinte ich damit nicht. Nur um Missverständnissen vorzubeugen.

Nein, Shakespeare meinte ich damit nicht. Nur um Missverständnissen vorzubeugen.

Verabschiedet sich jetzt ins (alkoholfreie) Wochenende

Zero

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Ein Kommentar zu “Frau Schneewitt?

  1. Also ich denke, dass man unangemessene Begriffe durchaus ändern kann – das hat auch bei den Schokoküssen niemandem geschadet.

    „Herr Professorin“ klingt weniger nach einem ernsten Thema, sondern einfach nur merkwürdig.

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