Geht es uns zu gut?

Immer mal wieder hört man ihn. Den Spruch „uns geht es hier einfach zu gut“. Aber impliziert das nicht, dass es „uns“ (gemeint sind wahlweise alle Deutschen, die westliche Zivilisation oder auch nur die eigene Schicht/Gesellschaftsgruppierung) eigentlich lieber schlechter gehen sollte?

An dem Punkt, muss man sich fragen, warum sich jemand wünscht, dass es „uns“ schlechter geht. Das ergibt doch absolut keinen Sinn. Möglicherweise ergibt es mehr Sinn, wenn man davon ausgeht, dass sich der Sprecher des Satzes natürlich SELBST aus diesem „uns“ herausnimmt. Es geht den anderen zu gut, mir persönlich ja schon nicht mehr. Man würde sich also besser fühlen, wenn es den anderen schlechter geht, weil das in der Relation gesehen zu einem besseren Gefühl bei einem selbst führen würde. Das mag menschlich sein, aber nicht mitmenschlich. Damit kann ich nicht leben.

Wenn es „uns“ wirklich so gut geht, dass man es als „zu gut“ bezeichnen kann, dann sollten wir unsere freien Ressourcen nutzen und dafür sorgen, dass es auch anderen Menschen gut geht. Besser als im Moment. Oder einfach nur nicht schlecht.
Es kann einer Gesellschaft niemals zu gut gehen. Problematisch ist dies nur, wenn man auf Kosten anderer Gesellschaften seinen Wohlstand aufbaut. Das ist in der westlichen Welt der Fall. Wir sind und waren Nutznießer von Ausbeutung auf der gesamten Welt. Was für die Kolonialisierung an Wohlstand gebracht hat, bringt heute die Globalisierung.

Diese Globalisierung ist Chance und Gefahr zugleich. Das warum und weshalb haben andere schon 100 Mal niedergeschrieben und man findet 1.000 bessere Texte dazu.
Dennoch fühle ich, dass Deutschland gerade eine unschöne Formkurve nimmt. Die Kultur hat es schwerer, die Unkultur nimmt zu. Die AfD verspürt einen Zulauf, Verschwörungstheoretiker und rechte Esoteriker melden „Montagsdemos“ an, bei denen die Ursprünge dieser Demonstrationen ins Gegenteil verkehrt werden. Das gegen Ausländer und Asylanten gehetzt wird, daran hat man sich hierzulande ja schon seit langem gewöhnt. Das vor Synagogen wieder gegen Juden gehetzt werden darf, weil Israel im Gazastreifen zivile Palästinenser erschossen hat, ist allerdings neu. Unter den Getöteten waren sogar Kinder. Das kann und muss man kritisieren. Nur in Antisemitismus darf man deshalb nicht verfallen. Dieselbe Klientel, die sich hier auf die Seite der „unterdrückten Palästinenser“ stellt, hetzt sonst gegen Migranten, besonders wenn es sich um Muslime handelt. Traditionell gibt es natürlich auch immer Israelkritik von links. Diese unterstreicht den freiheitlichen Drang der palästinensischen Seite und versteht sich als antiimperialistisch. Das war schon in den 70er Jahren so, als sich RAF-Terroristen nicht zu schade waren, gemeinsame Sache mit den „Freiheitskämpfern“ des Schwarzen September zu machen. Begründung für Mord und Totschlag findet sich immer, kann doch aber nie überzeugend sein. Wir haben keine Lösung für den Nahostkonflikt parat. Wir haben zwei extrem angriffslustige Strömungen, ein Pulverfass am Gazastreifen. Die wenigsten Menschen können diesen Konflikt überhaupt begreifen, vollumfänglich wohl so gut wie gar keiner. Dennoch denken alle plötzlich die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und das ihre eigene Meinung zum Konflikt die einzig wahre sein muss.

Wenn wir die deutsche Situation nun mit der in Israel vergleichen, stellen wir fest: Es geht uns gut. Aber nicht zu gut. Ich möchte nicht tauschen. Meine Gedanken sind bei den Familien und Angehörigen der Getöteten und Verwundeten. Auf beiden Seiten.